Erst die Radikalkur, jetzt das Feintuning

Alt- Neuöttinger Anzeiger, 11.04.2015

Da verwundert es nicht, dass es im Inneren des Instruments, das von der Empore bis knapp unter die Kuppel der Wallfahrtskirche reicht, eng her geht. Ein System von Leitern und Griffen ermöglicht das Vorwärtskommen. Dennoch ist es alles andere als leicht, bei den regelmäßig erforderlichen Wartungsarbeiten bis in den letzten Winkel zu gelangen. „Hochriskant“ kann das sein, sagt Oliver Günther. Bisweilen fühlt er sich „freeclimbermäßig“, wenn er beengt in den höchsten Höhen herumturnt. Die schlimmste dieser Stellen ist im Zuge der aktuelle laufenden Renovierung der Marienorgel beseitigt worden: Die Spanischen Trompeten, die sich zwischen den Pedaltürmen befanden, wurden ausgelagert und neu montiert - ganz oben auf dem Gehäuse, in Griffweite des Gewölbes.

Dort oben wie auch bei allen anderen Pfeifen gehen die Arbeiten an der Königin der Instrumente in die letzte Phase. Begonnen hat die Ertüchtigung der Orgel Ende vergangenen Jahres. Die Reinigung und Restaurierung des Instruments, das 1976 eingebaut wurde, war dringend notwendig geworden und wurde als letzter Ab- schnitt der Generalsanierung der Basilika im November angegangen. 360 000 Euro müssen aufgewendet werden, der Betrag ist in den Gesamtkosten von rund 7,5 Millionen Euro enthalten.

Die anfallenden Arbeiten sind vielfältig. Einige der größten Pfeifen waren mangels Befestigung oben gerissen und abgesackt, ihre Spitzen eingedrückt. Diese Schäden galt es zu beseitigen, dazu wurden die Wind- und Kanalanlage verbessert, die Doppelfaltenbeläge neu beledert. Mit am wichtigsten war es, die 110 pneumatischen Registerzüge durch Elektromagnete zu ersetzen. Die alten Apparate waren „Zeitbomben“, sagt Oliver Günther. In die Jahre gekommen und bereits vorgeschädigt funktionierten sie zwar noch, doch ihr Ausfall war vorherzusehen. Das

Problem: Jeder einzelne war so eng verbaut, dass man die halbe Orgel hätte auseinander nehmen müssen, um ihn reparieren zu können. Die nun eingebauten Magneten halten länger und sind leichter zu erreichen. Der Austausch kommt einer Radikalkur gleich, die sich aber. auf jeden Fall lohnt - so wie die ganze Ertüchtigung. Erst in 50 Jahren, möglicherweise sogar erst in 100 Jahren wird wieder eine der- art aufwendige Maßnahme erforderlich sein, hofft man.

Das Ende der Arbeiten, die von dem in Immenstadt ansässigen Fachbetrieb Siegfried Schmid erledigt werden, ist nun absehbar. Immerhin ist sie schon so weit gediehen, dass das Instrument an Ostern erstmals wieder gespielt wer- den konnte. Abgeschlossen sein muss die Ertüchtigung spätestens Anfang Mai, denn am 10. des Monats soll die Orgel im Rahmen eines festlichen Gottesdienstes von Kapuzinerbischof Dr. Paul Hinder aus Abu Dhabi gesegnet werden. Dass der Termin  gehalten werden kann, davon ist Br. Georg Greimel von der Arbeitsgemeinschaft „Renovierung der Basilika“ der Kapuziner überzeugt.

Und Orgelbauer Oliver Günther bestätigt ihn: „Das kriegen wir hin.“ Derzeit läuft schon das Feintuning, wie man hören kann. Die Intonation und die Stimmung jeder einzelnen der Labialpfeifen (Lippenpfeifen) der Lingualpfeifen (Zungenpfeifen). Bei der Intonation geht es um den Klang und die Ansprache der Töne. Die wird nicht neu erfunden, vielmehr orientiert man sich so gut es geht am originalen Klang. Bei der Stimmung geht es um die Tonhöhe.

Spielen, justieren, spielen, justieren - vieltausendfach wiederholt sich dieser Zyklus derzeit. Auch wenn es noch einiges zu tun gibt, ist doch jetzt schon klar: „Es wird sehr schön“, so Stiftsorganist Maximilian Jäger, der die Renovierung als gelernter Orgelbauer begleitet hat.                  – sh

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