Der elektronische Opferstock

Stumm und geduldig harrt er seiner Wohltäter, und doch ist der Ruf des Opferstockes seit dem alten Luther angekratzt (“wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt”). Ein Opferstock ist wahrlich nicht zu beneiden.

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Der elektronische Opferstock

Süddeutsche Zeitung, 17.01.2011

Stumm und geduldig harrt er seiner Wohltäter, und doch ist der Ruf des Opferstockes seit dem alten Luther angekratzt (“wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt”). Ein Opferstock ist wahrlich nicht zu beneiden. Die Dorfbuben bieseln triebhaft in ihn hinein, asiatische Touristen verwechseln ihn mit einem Spucknapf. Das Schlimmste aber ist: Ein Opferstock lockt das Gesindel an wie der Misthaufen die Stallfliegen.

In einer Münchner Kirche hatte ein Spitzbub allerdings nicht mit dem heiligen Antonius gerechnet. Just als er versuchte den Opferstock an sich zu reißen, fiel ihm eine mannshohe Statue des Heiligen auf den Kopf. Ein hilfsbereiter Nachbar legte nichtsahnend einen Verband um den blutenden Kopf des Diebs, sah aber nicht, dass ihm dessen Freund unterdessen den Geldbeutel klaute. Diese Schandtat konnte auch der Nothelfer Antonius nicht mehr verhindern, er lag ja hilflos in der Kirche.

Als Franziskanermönch gehörte der heilige Antonius ebenso einem Bettelorden an wie die Kapuziner in Altötting. Und die haben sich nun innovativ um den Opferstock verdient gemacht. In der ehrwürdigen Basilika St. Anna haben sie direkt daneben einen elektronischen Kartenleser installiert, der jeden Opferstockräuber alt aussehen lässt. Das Ganze funktioniert wie beim Discounter: Karte rein, Geheimnummer und Betrag eingeben, fertig. Das Gerät akzeptiert alle Kredit- und Bankkarten und spuckt sogar Spendenquittungen aus. In der Münchner Bürgersaalkirche ist schon vor zwei Jahren ein Terminal vom Typ “Thales Arena Hybrid” installiert worden, allerdings mit, so heißt es, eher zähem monetären Ertrag. Auch in Altötting werden die Ministranten nicht auf die Technik vertrauen und während der Messe weiter mit dem Klingelbeutel durch die Reihen gehen - auch auf die Gefahr hin, dass die bewährten Hosenknöpfe darin landen.

Freilich, das von der EU favorisierte bargeldlose Zahlen über das Handy (Secure Mobile Payment International Introduction) wird auch den Klingelbeutel überflüssig machen. Uns erwarten Apps für die Fürbitten und Bonuspunkte fürs Beichten. Und nie mehr wird ein Ministrant, wenn er in den Klingelbeutel des Pfarrers hineinschaut, sagen: “Hat der Deifi Geld!” Hans Kratzer

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